Propriozeptionstraining

Aktualisiert: 9. Aug 2019

Trainieren bei nahezu 40 Grad? Wohl nicht die beste Alternative. Aber was kann man dann bedenkenlos tun?


Viele Artikel beschäftigen sich derzeit mit den unsagbar heißen Temperaturen. Welche Folgen das für Pferde hat, könnt ihr momentan zu genüge nachlesen. Deswegen will ich meinen Artikel nur mit einem groben Überblick zum Thema Hitze und Pferd beginnen:


Auch Pferde leiden unter den warmen Temperaturen. Von ihren Wohlfühltemperaturen zwischen 5 und 15 Grad Celsius sind wir momentan weit entfernt. Dies kann unter anderem zu Kreislaufproblemen, Dehydrierung und Koliken führen. Achtet darauf, dass eure Pferde ausreichend Wasser zur Verfügung haben, dieses sollte weder eiskalt noch zu warm sein.


Sicherlich kann das Pferd auch mal ein oder zwei Tage pausieren. Hält die Hitzewelle aber an und ihr möchtet eure Vierbeiner beschäftigen, gibt es sinnvolle Alternativen - auch wenn kein Badesee für Pferd und Reiter zur Verfügung steht.


Aus diesem Grund möchte ich euch heute das Propriozeptionstraining vorstellen:


Propriozeption ist die Tiefenwahrnehmung… Ein kompliziertes Wort für etwas Unverzichtbares - Propriozeptionstraining ist das Training der Tiefensensibilität. Okay - soweit so gut, aber für was ist die überhaupt gut? Reize treffen von außen auf das Pferd und werden von unterschiedlichen Sinnesorganen und Rezeptoren aufgenommen und verarbeitet. Die Mechanorezeptoren sind für die Tiefensensibilität zuständig und werden durch Druck, Berührung und Dehnung angesprochen. Die Propriozeption ermöglicht es den Pferden, die Winkelung ihrer Gelenke und somit deren Stellung im Raum wahrzunehmen. Sie ermöglicht es den Pferden die Geschwindigkeit und das Ausmaß ihrer Bewegungen wahrzunehmen und die dazugehörige Muskelkraft.


Drei einfache Übungen zum Nachmachen:


1. Auf verschiedenen Untergründen spazieren gehen:

An und unter den Hufen befinden sich ebenfalls Propriozeptoren. Diese kann man trainieren - sehr einfach sogar und ganz ohne teure Hilfsmittel. Einfach raus ins Grüne! Aber Achtung: Rasenkanten, Waldböden, Pfützen, Sand und Kies dürfen genutzt werden. Auch abschüssiges, unebenes und bergiges Gelände trainieren die Propriozeptoren und helfen euren Pferden trittsicherer zu werden. Nicht vergessen: Genießt die Natur und lasst die Blicke schweifen, ihr findet bestimmt ganz viele tolle Stellen, um ein einfaches aber umso effektiveres Propriozeptionstraining durchführen zu können.


2. Körperbänder:

Durch die Körperbänder lernen sich eure Pferde wieder besser selbst kennen. Wo fange ich an? Wo höre ich auf? So viele Kilos wollen erstmal koordiniert werden. Hilfreich sind hier zwei einfache Fleecebandagen. Die dürften sich in fast jeder Sattelkammer befinden oder ihr könnt sie euch einfach ausleihen. Eine Bandage wird vor der Brust über den Rücken geführt. Die Enden kreuzen sich hinter dem Widerrist und warten auf die sich kreuzenden Enden der zweiten Bandage, welche unter dem Schweif, oberhalb der Sprunggelenke zu den Enden der vorderen Bandage geführt wird (siehe Fotos). Die gegenüberliegenden Enden verknotet ihr einfach miteinander und fertig ist das Körperband. Ihr könnt mit dem Körperband longieren, Bodenarbeit machen oder auch die 1. Übung kombinieren - also spazieren gehen. Bevor ihr den geschützten Reitplatz, das Roundpen, die Reithalle etc. verlasst, sollte sich das Pferd aber an die Bänder gewöhnt haben.


3. Balance-Pads:

Die Trendartikel halten was sie versprechen. Hier haben wir zwar eine kleine Investitionssumme, aber wer auch bei kühleren Temperaturen Spaß an den Übungen hat, für den lohnt es sich. (Außerdem muss man nicht die teuren Pads, extra für Pferde kaufen - für den Eigenbedarf gibt es gute und günstige Alternativen. Am besten schaut ihr einfach in einer der tollen DIY - Pferdegruppen auf Facebook vorbei. Hier teilen kreative Köpfe tolle Ideen mit Euch.) Gebt euren Pferden Zeit sich mit den Pads vertraut zu machen. Zeigt sie ihnen und lasst sie, sie ausgiebig beschnuppern. Anschließend beginnt ihr vorsichtig mit einem Vorderbein, dies fällt den meisten Pferden leichter. Steht euer Pferd sicher mit einem Vorderbein auf dem Balancepad, könnt ihr gerne das andere dazu nehmen. Alternativ können auch alle vier Beine auf die Pads gestellt werden. Die Fortgeschrittenen können es auch mit den diagonalen Beinpaaren versuchen. Lasst euer Pferd die Pads verlassen, wann immer es dies möchte. Das ist ok. Sie nehmen sich die Zeit die sie brauchen. Ihr dürft ihnen gerne einen zweiten oder dritten Versuch anbieten. Lasst sie selbst entscheiden, wie viel Zeit sie auf den Pads verbringen wollen. Wundert euch nicht, das ist durchaus Tagesform abhängig und kann zwischen einigen Sekunden und mehreren Minuten variieren. Viel länger als 15 Min. sind allerdings die Ausnahme, hier beende ich die Übung dann, um dem Pferd neuen Input geben zu können. Für die echten Profis und für Pferde mit bereits sehr ausgeprägter Tiefensensibilität: Ihr könnt eure Pferde auch rhythmisch „anschaukeln“. Dazu bewegt ihr die Pferde vorsichtig mit eurem Körper hin und her. Aber bedenkt, dass die Pferde auf den Pads keinen festen Stand haben und ihr sie mühelos bewegen könnt. Weichen eure Pferde der Bewegung soweit aus, dass sie von den Pads herunter treten, war eure Bewegung zu stark. Tastet euch langsam vor.


Dieser Beitrag richtet sich an interessierte Laien, deshalb vermeide ich komplizierte Fachausdrücke und erhebe weder den Anspruch einer wissenschaftlichen Publikation noch einer abschließenden Aufzählung. Außerdem vereinfache ich die Zusammenhänge. Natürlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten und Variationen zum Training der Tiefenwahrnehmung. Wer mehr wissen möchte oder zu den einzelnen Übungen Fragen hat, darf mich gerne kontaktieren.


Jetzt genießt aber erstmal das Wochenende und versucht, auch das Propriozeptionstraining in die kühleren Morgen- oder Abendstunden zu legen. Eure Pferde werden es euch danken! Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.





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